Die andere Sicht

                                             oder

                Was nicht allen erzählt wird

 

                 

 

 

 

                  Revolutionäre Arschitektur

 

 

 

 

 

 

 

                   Das Wunder zu Naundorf

 

 

 

                              - ausspioniert -

 

                                       

 

 

 

 

 

       

 

  

 

                                     

 

                             Böses Vorwort

 

 

 

Es war einmal vor kurzer Zeit in finsteren Tagen, da zog ein kleiner aber erfrischend herzensguter Mann, in die „Grüne Zitadelle“ der alten preußischen Festungsstadt zu Magdeburg. Oh nein, das beeindruckende Gebäude war kein Militärobjekt und schon gar kein Gefängnis. Sondern jenes weltberühmte bunte Märchenhaus vom Österreicher Künstler Hundertwasser.

 

Der neue Mieter nun, per Geburtsbefehl Victor Niklas heißend, verehrte den berühmten Maler und wollte dessen berauschende Visionen zum gesunden Wohnen in einem seiner Traumhäuser hautnah am eigenen Leibe verspüren. Oh ja, der „verrückte“ Architekturdoktor Friedensreich Hundertwasser hatte es ihm angetan, denn der wollte nicht das Menschen in Betonsilos, blutenden Gebäuden, in krankmachenden Schachteln und Häusern die an Geschwüren leiden, hausen müssen. Aus diesem Grund propagierte er unter anderem das revolutionäre Fensterrecht. In jedem seiner Gemäuer müsse es dem Mieter möglich sein, die Außenfassade so weit der Arm reicht zu gestalten. Jeder können dann von außen erkennen: Hier wohnt ein Mensch.

 

Potz, Donner und Blitz! Aber in Hundertwassers „Grünen Zitadelle“ war es dem neuen Mieter Niklas hundekalt und die Nachbarn die er manchmal sah, wirkten reich und unnahbar. Und oh wehe, die große Freiheit des Fensterrechts wurde  von den Eigentümern im Mietvertrag herzlos verboten. Ein bitter enttäuschtes Schaudern durchfuhr den Mieter Niklas. Da nahm er seine sieben Sachen, zog enttäuscht wieder aus und versprach zornig es besser zu machen. Er meinte, er könne bei weitem viel sinnvoller bauen, und siehe da, er machte es besser.                                                                           

 

           Um Himmels Willen, wie fängt man so was an?

 

 

 

Anfangs marschierte der kleine Kerl mit seiner außergewöhnlichen Idee tapfer zu etlichen  Verantwortlichen hin und sprach viele warme und aufrechte Worte. Gewiss, Magdeburg hätte endlich eines der gesündesten, sparsamsten und fröhlichsten Wohnhäuser der Welt erleben können. Mit echten Wohlfühlwohnparadiesen für Mieter, sogar mit kleinstem und ohne jeden Beutel voll Geld. Und vor allen Dingen mit ausreichend Platz für viele bedrohte Tiere und allemal ein Paradebeispiel in echter, ungeheuchelter Nachhaltigkeit. Eine Arche, gewiss. Denn siehe, das war Hundertwassers berühmte „Grüne Zitadelle“ in Magdeburg nicht.

 

Wäre zum Beispiel, Friede seiner Seele, Hundertwasser nur ein einziges Mal auf der Baustelle oder zumindest in Magdeburg persönlich erschienen, hätte er die noch wenigen über der Innenstadt kreisenden Mauersegler erkannt und ihnen in der ach, angeblich so grünen „Grünen Zitadelle“, Nistmöglichkeiten geschaffen. Auch die Turmfalken hätten im Mietshaus ein Zuhause gefunden und die allmählich von der Ausrottung bedrohten Spatzen sowieso.

 

Wie gesagt, der völlig unbedeutende Bursche namens Niklas wollte es nun endlich besser machen. Doch all seine vernünftigen und gottgefälligen Visionen klangen in den Ohren der Politiker, Geschäftemacher, der Geld- und Pfeffersäcke nur wie Geplärre. Mit dem „Vogel“ ließ sich nicht die schnelle Kohle machen. Und so kam was kommen musste, die mächtigen und abgehobenen Eliten von Magdeburg wollten nicht das „bessere Haus“, keine Arche für Alle. Der kleine Niklas wurde mitleidig wie ein zerzaustes Zootier belächelt und in die Wüste geschickt. 

 

Doch sein Willen war nicht gebrochen, und siehe, so versuchte er es eben in einer ahnungslosen, absolut unbedeutenden Stadt, namens Herzberg, hinter den „Chapiner Bergen“, bei den sieben Zwergen. Aber auch hier reagierten selbst die mickrigsten Fürsten gelangweilt und ohne Visionen, regierten wie abgehobene Eliten und begehrten nichts Vernünftiges, nichts Großes und Schönes für ihre Bürger. Mittelmaß eben. Der Bittsteller, Vorsprechende, Weltverbesserer und Antragsteller wurde mitleidig belächelt.

 

Was tun? Sich wie der berühmte Hundertwasser einstmals splitternackt auszuziehen und Weltstädte wie München und Wien durch ordinäre Aktionen mit blankgezogenem Penis im Beisein bildhübscher splitternackter Frauen zu verwirren, nur um auf sich und seine Vorhaben aufmerksam zu machen? Gewiss, das hätte der von seiner Vision geplagte Niklas gern getan. Aber ihm fehlte hierfür der Mut, es mangelte an nackten und vor allen Dingen mutigen Frauen und beeindruckender Größe zwischen den eigenen Lenden. Außerdem drohte Lebensgefahr, denn in schlichter ostdeutscher  Gegend trompetet bei solcherart Kunstaktionen nicht das Fernsehen und die Presse wie in Wien heran, - NEIN! Da rufen erschrockene Spießbürger erzürnt nach der Polizei und die bringt einen, bisweilen zwei brandgefährliche Paragrafen mit, welche dich in der nächsten Psychiatrie enden oder gar verenden lassen. Denn in hiesigen Landen spielen nicht die echten, aufrechten Künstler, sondern die normalen Menschen verrückt.

 

So also blieb dem verzweifelten Visionär nur das, was Jahrhunderte zuvor schon viele seiner weit vorausschauenden Artgenossen  bewerkstelligt haben. Niklas suchte ab sofort sein Heil in den tiefen finsteren brandenburgischen Wäldern, bei den Elfen und Wölfen, betete um himmlischen Beistand, (welcher Gott, das war ihm inzwischen Scheißegal) erhielt ihn und begann auf der Stelle für sich, sein Weibchen und all die vielen guten Tiere und Pflanzen zu bauen.

 

Und nun? Sehet her! Die Menschen nehmen weite Wege auf sich, um das Wunder in der Naundorfer Heide auf sich wirken zu lassen.

 

                          

 

 

 

 

 

           Warum heißt diese Arche Schloss-Lilllliput?

 

 

 

Erst einmal sei das Wort Arche erklärt. Es stammt aus dem lateinischen und bedeutet nichts weiter als Kasten. Schon Luther hat es so in der Bibel übersetzt. Für Gott eine Rettungsinsel der lebenden Geschöpfe. Für die meisten Architekten hingegen wirklich nur ein simpler Kasten. Deshalb heißt Architekt schlichtweg Kastenbauer. Auch wenn die Herren behaupten ihr Name hätte eine griechische Herkunftsbedeutung um sich damit zu adeln, so glaubt ihnen kein Wort. Wenn Ihr euch umschaut, habt ihr den Beweis: Viele Architekten bauen hässliche Kästen. Sie haben Gott, Natur und die Bürger missverstanden. Deshalb rät Hundertwasser auf seine Art, diese Leute über den Jordan zu jagen. 

 

 

 

Doch machen wir weiter. Hundertwassers faszinierende Aussage: Jeder kann ein König sein, inspirierte den Erbauer darüber tiefer nachzudenken. Da er sich genauso wie Hundertwasser nach einer gesunden starken Monarchie sehnt, setzte er seinem Haus die Krone auf, baute für die Öffentlichkeit zwei  Königsstühle, umschloss das Grundstück in den Anfangsjahren mit einer Mauer aus alten Back- und Kalksteinen (umschließen = Schloss) und nannte es, um seine tiefe Bescheidenheit als Haus- und Hofkönig zu demonstrieren Lilllliput mit vier l. Es hätten auch gern mehr sein können, aber ein guter König weiß sich zu beschränken. Im übrigen beginnen viele schöne Worte mit einem L. Man kann gar nicht genug davon haben: Liebe, Lust und Laune. Leben, laben, lesen und lachen und loben. Liane, Licht, Lippen und Leckereien. Legislaturperiode.

 

 

 

                                                              

 

 

 

Wann entstand die allererste Idee von Schloss-Lilllliput?

 

 

 

Oh je, sie hat mit einem unerträglich finsteren Geheimnis zu tun. Im eisekalten Januar 1980 kam der Erbauer von Schloss-Lilllliput, zu seiner Zeit noch DDR-Bewohner, als blutjunger Bursche wegen übermäßig blühender Phantasie, Visionen die die Welt verbessern und überbordender schöpferischer Gedanken auf Wunsch der Verantwortlichen, insbesondere miserabel ausgebildeter Pädagogen, zwangsweise zur Beobachtung in die geschlossene Psychiatrie nach Wermsdorf, nahe Leipzig. Heute käme er nicht mehr dahin, heute schubsen gute Eltern glühende Kinder ans Klavier, in den erweiterten Philosophieunterricht oder reichen eine Schippe und zehn Tonnen Sand.

 

Der nun in der Anstalt festgesetzte ewig nörgelnde Pupertant wurde von einer Psychologin ausführlich befragt und recht bald durch einen IQ-Test als schwachsinnig klassifiziert. Auf die plumpe Frage was er bei seinem mageren Leistungsvermögen einmal beruflich zu werden gedenke, antwortete er wahrheitsgemäß: Pilot und Schriftsteller. Na klar, man hatte bei soviel Schwachsinn  nichts anderes erwartet. Nunmehr hielt man ihn gänzlich für verrückt und machte ihm keine Hoffnungen mehr auf baldige Entlassung.

 

Zu dieser Zeit lernte Victor Niklas den später berühmten Karl Hans Janke (1909-1988) kennen. Janke war Dauerpatient in der Psychiatrie  mit der Diagnose „chronische paranoide Schizophrenie“, die sich in „wahnhaftem Erfinden“ äußerte. Das hatte den ehemaligen Zahnmedizinstudenten, den hoch kreativen aber verkannten Künstler, Erfinder, Techniker und Zeichner aber nicht davon abgehalten, betreffend seiner Konzepte neuartiger Antriebe, mit zahlreichen Unternehmen und öffentlichen Institutionen zu korrespondieren.  

 

Karl Hans Janke, dieser hoch sensitive putzige Mann mit Schnauzer, großen Geheimratsecken und rundlichem Gesicht freundete sich schnell mit dem jungen Neuzugang an. Man hatte überraschenderweise ähnliche, nicht gerade alltägliche Interessen. In zahllosen Gesprächen bis tief in die Nacht erörterten der junge und der alte Mann ihre Vorstellungen von  menschenfreundlichen, farbenprächtigen und lebendigen Häusern, echten Archen für Mensch und Tier. Die übermäßig in der DDR verbreiteten kalten, grauen und herzlosen Betonbauten gaben Anlass genug.

 

Eines Tages verriet Janke seinem Freund ein nahezu unglaubliches, dunkles Geheimnis. Mit diesem Akt der Offenbarung wollte der Ältere den jüngeren „Brüder“ wohl auf ewig an sich binden. Janke gestand als Dauerpatient der Psychiatrie frei heraus, rundherum gesund und von keinen guten Geistern verlassen zu sein. Er hätte sich einfach nur als mittelloser und von der Kunst faszinierter Mensch am liebsten in menschenleere Wälder zurückgezogen um dort nichts anderem als seiner unerschöpflichen Kreativität zu frönen. Aber er fürchtete, sein Schaffen in rauer Einsamkeit wäre nur zu einem tierischen Hausen verkommen, und so war er schließlich der Idee anheimgefallen, nicht irre zu sein, sondern den Irren zu spielen. Dies bot einem wie ihn den grandiosen Vorteil, lebenslang nicht Sklave einer ungeliebten Tätigkeit sein zu müssen, bei völlig freier Kost und Logis, und die  Option, satt und sauber und vor allen Dingen unermüdlich im Warmen schaffen zu können. Mit der Selbstverpflichtung aber, all jene ahnungslosen Fachleute die ihn für verrückt erklärt hatten und zukünftig noch wollten, dauerhaft mit psychiatrischen Nettigkeiten, Blödeleien und verschrobenen Späßen für ihre Akten und Diagnosen zu versorgen. Letztere Leute seiner Ansicht nach man halt bräuchte, um ihm ein lebenslanges Glück als freier Künstler ohne jede lästige Brotarbeit zu ermöglichen...

 

Niklas war baff, aber noch zu jung und unerfahren um die Tragweite der Worte dieses genialen Mannes zu verstehen. Niklas dachte eher profan: Na wenn er denn so begnadet ist, soll er mir gefälligst zur Flucht verhelfen.

 

Schließlich gab sich Langzeitinsasse und Freund Karl Hans Janke einen Ruck und baute mit enormen Geschick zwei Schlüssel aus der Feder einer Bettmatratze. Am 16. Februar 1980 gelang damit Niklas nach Mitternacht die Flucht von der geschlossenen und vergitterten Station in die Freiheit. Oder zumindest das, was er dafür hielt. Er verirrte sich aber in einem nahegelegenem Manövergebiet und bibberte die halbe Nacht auf gefrorenem Waldboden herum. Russische Panzer in der Nähe und jede Menge bewaffneter Russen auch. Um nicht wie ein geschundenes Tier im zerwühlten Schnee zu verenden und sich abzulenken, stellte sich der jugendliche Ausreißer nicht etwa eine warme Stube oder nackte Frauen vor. Im Gegenteil, er träumte von einem märchenhaften Haus für sich selber, ein starkes Weibchen und allerlei Tiergeschöpfe. Ein gemütliches Schloss, eines das sich sogar selber reparieren könne und vollständig aus Kugeln, in Anlehnung an die Erschaffung der Welt durch Atome, bestehen würde. Das war ursprünglich eine spontane Idee seines Freundes Hans Janke gewesen. 

 

Dieses auf einmal so berauschende Bild, diese für ihn nunmehr so allmächtige Vision schleppte der Flüchtige fortan vor seinem geistigen Auge herum. Und siehe, er wusste todsicher, eines Tages wäre die Zeit reif und er würde ein solches Wunderwerk mit eigenen Händen zu erschaffen beginnen.

 

Aber erst ereignisreiche 30 Sommer später standen die Sterne einen Moment günstig um an der hartnäckigen Vision zu schaffen zu beginnen. Niklas hatte immer daran geglaubt, sein Tun darauf ausgerichtet und Geduld bewiesen. Nun war es soweit. Danke, Herr Janke!

 

 

 

 

 

           Ist so eine bunte Bude überhaupt Kunst?

 

 

 

Zur Hauptaufgabe eines echten Schöpfers zählt, eine Botschaft zu überbringen, nicht sie zu erklären. Wer sein Kunstwerk erst erklären muss, hat keines geschaffen. Das sieht auch der Erbauer von Schloss-Lilllliput so.

 

Der erblickende, hörende, fühlende Besucher wird durch Schloss-Lilllliput berührt. Jeder anders, aber berührt. Tief berührt sein, das zeichnet echte Kulturwerke aus. Und es ist Kunst, weil die Menschen von weit angereist  kommen und staunen, weil Gefühllose Gefühle zeigen. Weil böse nicht böser werden, Dumme nicht Dümmer, aber Neidische neidischer. Und es ist überragende Kunst, weil Schloss-Lilllliput  Niemand, selbst bei allem Fleiß und bestem Willen in Gänze abermals erschaffen kann. Was bei berühmten Kunstwerken wie der Mona Lisa, dem Eiffelturm, dem Taj ma Hal oder allen Anderen  ohne weiteres möglich wäre, und der Nachbau oder das Kopieren bereits in verschiedenen Ländern praktiziert worden ist. Schloss-Lilllliput hingegen ist in seiner Vielfältigkeit absolut einmalig, eine Kopie wird man auf dieser Welt unmöglich finden.

 

Einem Gemälde kann man aus dem Weg gehen - diesem Haus nicht. Wer es übrigens richtig macht und sich beim Betrachten nicht direkt vor die Schöpfung stellt, sondern auf die gegenüberliegende Straßenseite tritt, wird den Komplex von schwarzen Fliesenstücken umrahmt sehen. Tatsächlich, der Besucher steht vor einem Gemälde. Er ist nun eingeladen ein Bild zu betreten. Wo kann er das schon?  

 

                                              

 

 

 

Warum inszeniert der Erbauer trotzdem Führungen und erklärt ausführlich sein Arbeitswerk? 

 

 

 

Aufgemerkt! Niklas erklärt sein Bauwerk nicht. Schloss-Lilllliput ist und bleibt bis zu seinem Todestag eine Baustelle, allerdings mit bereits jetzt allerlei technischen, auf den ersten Blick nicht sichtbaren Innovationen.

 

Zum Beispiel wurden zahllose Dämmplatten aus kostenloser Kohleasche, also Abfall, mit auf dem Grundstück vorhandenen Zuschlagstoffen vermischt, aufgeschäumt und zu Dämmplatten gegossen. Diese Platten wurden in monatelanger Arbeit in größerer Stückzahl gefertigt und zwecks Hitze- und Kältedämmung, Brandschutz und Blitzschutz  in der gesamten Baustruktur verbaut. Eine im Hause befindliche Kühlkammer wird von außen durch Gold- oder Schlagmetallauflage wie Aluminium geschützt und wehrt brennende Sonnenstrahlung und damit Erwärmung gekonnt ab. Die Dicke der verschiedenartig aufgebauten Außenwände variiert zwischen 80 Zentimeter und 3 Meter. 

 

Oder durch das ausgeklügelte Errichten von kleineren Vorsprüngen, Säulen oder Gesimsen wird der wärmezehrende Wind vom Gebäude abgehalten, um es vor Auskühlung zu schützen.                                                      Inzwischen funktioniert das Gebäude wie eine Thermoskanne, es verbraucht extrem wenig Energie.

 

 

 

Das Regenwasser fließt ungehindert von der Hausschräge in einen „Fluss“ und von dort aus durch natürliches Gefälle in verschiedene Teiche die der Fischzucht dienen. Wasser ist kostbar, nichts wird vergeudet. Bei extrem heißen Sommerwetterlagen können auch große Teile der Vorflächen des Hauses geflutet werden, so dass der strenge Hitzedruck gemildert wird und ein feuchtkühles Mikroklima entsteht.

 

 

 

Alles in Allem, Schloss-Lilllliput ist eine Lebensaufgabe. Das berühmteste Bauwerk des Architekten Gaudi in Barcelona wurde lange Zeit als hässlicher Steinbruch belächelt. Hundertwasser anfangs als billiger Aufhübscher von Gebäuden belästert. Die Leute verstanden nicht, dass hier kreative Menschen zu Stein gewordene Märchen für sie erbauen. Inzwischen sind die Leute gerührt.

 

Deshalb führt der Erbauer von Schloss-Lilllliput über die Baustelle, lässt die Menschen teilhaben am Prozess seiner Schöpfung, die Allen am Ende zukommen wird. Die Besucher begehren zu verstehen was hier passiert. Und wie es sich zeigt, freuen sich all die Neugierigen über eine Führung und benehmen sich dankbar darüber. 

 

 

 

 

 

Was in drei Teufels Namen ist das nun für eine Kunstgattung?

 

 

 

Darüber streiten sich die Gelehrten. Hier passt nichts wirklich in eine Schublade. Und die Schlaumeier dürfen weiter streiten, denn echten Schaffenden ist ihr Gedöns völlig wurscht.

 

Es heißt, diese Form architektonischer Schöpfungen  lassen sich im allgemeinen der „Art Brut“, also der „rohen Kunst“ zuordnen, eine eher vernichtende und abfällige Beschreibung, wahrscheinlich aus der Verzweiflung heraus, eine heute hochgradig seltene, aber auffällige Architektur nicht wirklich zuordnen zu können. Erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde sie überhaupt wiederentdeckt. Richtig! Wiederentdeckt. Denn diese Kunstform gehörte längst zu den ältesten Ausdrucksformen der Menschheit überhaupt. Für die eigenwilligen Schöpfungen finden sich Beispiele historischer Vorläufer in ausgebauten Grotten, Höhlen und Einsiedeleien. Menschen die damals abseits der Wege lebten, anders dachten und fühlten, kamen nicht selten auf den Gedanken die Materialien ihrer Umgebung zu einem urigen Bauwerk zu verarbeiten. So entstanden tief in den europäischen Wäldern wundersame Gebäude, aus Schlacke, Steinen, Wurzeln, Muscheln, Zapfen und weiteren Materialien mehr. Die arbeitsamen Erbauer wurden nicht selten aus fanatisch-religiösen Gründen, aus gnadenloser Dummheit und völligem Unverständnis angefeindet, sobald man sie entdeckt hatte oder ihr merkwürdiges Tun nicht einzuordnen wusste. Man sprach den unermüdlichen Erbauern Teufels-oder Hexenkräfte zu, stellte sie generell ins gesellschaftliche Abseits und wob dumme Schrullen um sie.

 

Wir alle kennen zur Genüge die Schauergeschichte einer solchen hochgradig künstlerischen Frau und ihr überragendes Werk, obwohl es längst nicht mehr existiert, sondern nur noch als abstoßendes, wenn auch beliebtes Märchen durch unsere Köpfe geistert: Eltern aus der hungrigen Unterschicht schmeißen ihre hilflosen Kinder aus dem Haus um sie jämmerlich im Freien verrecken zu lassen. Sie werden zwar von einer guten Frau gerettet aber diese wird bald von den gesättigten Kindern grausam bei lebendigem Leibe verbrannt. So das Thema in einem der Märchen der Gebrüder Grimm. Nur was finden Hänsel und Gretel im Wald? Richtig! Ein kunterbuntes Pfefferkuchenhaus. Ein Kunstwerk ohnegleichen.   

 

 

 

 

 

                 Sieht sich der Erbauer als Künstler?

 

 

 

Niemals, eine Beleidigung für ihn. Einmal war eine ansehnliche Gruppe von Künstlern aus Berlin und Umgebung bei ihm angemeldet. Wie ein kleines Kind freute er sich anfangs auf die „Berufsgenossen“.

 

Niklas hatte schon so viele schöpferische Menschen erlebt, und nun erwartete ihn das Geschenk, gleich über ein Dutzend Schaffende kennenlernen zu dürfen. Aber oh wehe, ein seltsam anmutender Tross kam vor das Schloss geschlichen, als stände ein Begräbnis an. Die Künstler schwiegen und glotzten verstohlen, niemand sprach ein Sterbenswort. Einige telefonierten gelangweilt. Niemand fragte etwas. Es war, als würden sie schon alles wissen. Da war dem Schlosserbauer so unwohl zumute und er hätte sich gern im nächsten Teich ersäuft. Er wollte helle Freude bringen und nicht die Menschen unglücklich machen. Was waren das für Künstler bloß?

 

Er griff sich ein Herz und hakte nach. Oh wehe, sie gaben sich zu erkennen als Lehrer mit dem Titel: Kunsterzieher. Was für ein grausiges, abartiges Wort. Denn niemand und nichts auf der Welt kann zu Kunst erziehen. Kunst ist Herzenssache.  Und schlimmer noch, die Herangewankten behaupteten, sie wären allesamt Künstler. Künstler deshalb, weil sie studierte Kunsterzieher wären.

 

Da war der Schlosserbauer sofort an seine Schulzeit erinnert, als ihn ein Zeichenlehrer schroff gemaßregelt hatte, seine Bilder wären grottenschlecht, weil er Schwarz als Farbe bevorzugen würde. Die Natur böte kein schwarz: „Du dummer Junge du!“

 

Die Gegenantwort, dass Krähen schwarz wären, Amseln auch, die Nacht und Erdöl sowieso, das Anal so finster wie eine Bärenhöhle, und er außerdem der Welt eine schwarze Zukunft voraussagen würde, kam nicht gut an und wurde durch eine miese Note gemaßregelt.  

 

Ende vom Lied, niemals wollte Niklas ein Künstler vom Schlage dieser Leute sein. Er meidet bis heute den abgehalfterten Begriff wie die Pest und zuckt getroffen zusammen wenn man ihn so nennt. Und dabei denkt er auch an all die heutigen modernen Kleckser, deren Bilder von Affen und Elefanten bereits nachgetuscht sind, und die für ihre kurzminütigen Schmierereien sich abgehoben Künstler nennen. Die Kleckser!

 

Aber was ist er dann? Zugegeben, das ist ihm wurscht. Er schafft mit eigenen Händen für die Sehenden ein Wunder, das seit Jahren und ohne Titel. Doch Künstler ist er nicht. Niemals!

 

 

 

 

 

                       Was wird alles verarbeitet?

 

 

 

Alles außer Plaste und Fleisch. Der Erbauer hat nichts gegen Plaste, auch sie ist letzten Endes Teil der Schöpfung und damit ein natürliches Produkt. Plaste stammt aus Erdöl, Erdöl aus Pflanzen. Aber Plaste leidet stark unter Sonneneinstrahlung und verdirbt rasch mit der Zeit. Da sind deftige Knochen schon haltbarer und bekommen am Ende sogar noch ein ansehnliches weiß.

 

 

 

 

 

               Wer finanziert all die Materialien?

 

 

 

Während unverfälschte Künstler vergangener Zeiten beim König, Bischof oder Fürsten vorstellig, ihre Dienste anpriesen und dafür eingestellt, bezahlt und verköstigt wurden, ist das echte Mäzenatentum in der Demokratie nahezu ausgestorben, mit gravierenden Folgen für die Kunst.

 

Aufrechte Künstler gelten inzwischen als Spinner. Die Anderen, dabei auch zahllose Kriechtiere, Süßholzraspler und Schleimer ohne wirkliches Können, die um den Genuss staatlicher Beihilfen oder Preise buhlen, verlieren durch das Anbiedern ihre Freiheit und schaffen am Ende leider nur Werke voller Mittelmäßigkeit oder einfach nur Unsinn. Echte Künstler bekommen keinen oder hochgradig selten einen Preis! Das Genie Gaudi ist das beste Beispiel. 

 

Hundertwasser hingegen hatte als einer der Wenigen noch Glück, wurde von zahlreichen jüdischen Freunden auf rührende Weise unterstützt. Ansonsten grassiert in demokratischen Landen nahezu nur noch staatlich geförderte Kunst. Und in der Regel dient sie eher dazu die interessierten Menschen zu verschrecken. Von den Kunsthochschulen im Besonderen ganz zu schweigen. Denn hier herrscht bekanntermaßen viel Unwirklichkeit. Es wird nach staatlichen Rezepten verfahren, so dass Studierende, die an Rezepte glauben, am begehrtesten sind. Die lebendige, mutige, frische, aufrechte Arbeit  bleibt allzu oft vor der Tür.

 

Was bleibt also wenn der Künstler völlig ungebunden sein und schaffen will? Er denkt nicht über das Geld nach. Er fängt trotz alledem an. Klitzeklein und nimmt was er kriegen kann. Er strolcht herum, scheut die Müllkippen nicht und geht auch betteln. Und das Wenige was er besitzt, dass setzt er sofort um in die Materialien die er für sein Vorhaben braucht. Er benötigt weder Uhr, noch Handy, kein Auto, kein Smartphone und keine guten Klamotten. Er fährt nicht in den Urlaub, nagt sich aber hartnäckig durchs Gestein seiner eigenen Ziele, unermüdlich, dabei immer in der seligen Hoffnung auf  Erhalt seiner eigenen Kräfte. Unentwegt das Ziel vor Augen, in unserem Falle, ein fertiges Schloss-Lilllliput für die Menschen, um sie zu erfreuen. Und vor allen Dingen vertraut er auf den Urheber der Dinge. Denkt an die Vögel, sie säen nicht, sie ernten nicht und sie leben trotzdem.

 

Und siehe, das Schicksal, unter welcher Führung auch immer, beschenkte Niklas darüber hinaus mit einer phantastischen Frau, einer wahren Muse und bedingungslosen Unterstützerin seines Werks. Schwein gehabt!

 

 

 

 

 

                        Ist hier jemals etwas fertig?

 

 

 

Nein! Erst die Stunde an dem der Erbauer seinen letzten Atemzug setzt, wird der allerletzte Arbeitstag sein. Sodann ist Schloss-Lilllliput vollendet. Nichts muss mehr hinzugefügt werden, nichts verändert oder abgetragen werden. Am allerletzten Tag ist alles endgültig, für immer und zur Gänze vollbracht.

 

                                           

 

 

 

Warum wird ständig Fertiges wieder überbaut?

 

 

 

Schloss-Lilllliput ist Schöpfung pur. So wie der Bauherr schafft, so arbeitet die Natur, oder Gott, ganz wie man es will.

 

Nach dem Säugling kommt das Mädchen. Ein Mädchen mit zehn Jahren hat meist ein niedliches Gesicht. Mit zwanzig Jahren, als Frau, oftmals ein sehr schönes Gesicht. Mit dreißig ein interessantes und mit vierzig ist so gut wie nichts mehr zu erkennen, was einmal mit zehn gewesen war. Unablässig wird Gesicht und Körper überbaut, egal wie schön, egal wie fertig es schien. Gebetsmühlenartig geht es weiter, schreitet die „Überbauung“, die Veränderung voran. Denkt an den Fluss, man kann nicht zweimal in ihn steigen. 

 

 

 

 

 

           Was sagen die Leute zu Schloss-Lilllliput?

 

 

 

Es ergibt sich eine goldene Regel, natürlich mit allerlei Ausnahmen. Je weiter entfernt die Besucher anreisen, um so größer die Wertschätzung, je näher sie am Kunstwerk wohnen, um so höher die Geringschätzung.

 

Besucher aus Jena, Kiel, New York und der Schweiz stehen zur Führung pünktlich vor der Tür, sprechen von Faszination, Einmaligkeit, erkennen Sinn, Zusammenhang, Funktion und Form und geben sich dem Rausch, der Rührung oder der kindlichen Freude hin, der sie zuweilen befällt.

 

Manche Einheimische hingegen, gerne Leute aus nächster Nähe, kommen zum „Spinner“ mit süffisantem Blick und der mitleidsvollen Aussage: „Na dann müssen wir wohl mal gucken.“

 

Und sie kommen schon mal 40 Minuten locker zu spät. Und telefonieren während der Führung, laufen ständig aus der Gruppe um unbefummeltes zu befummeln, oder rennen voraus als würde der Vortrag sie quälen. Sie rütteln an den Säulen bis sie brechen, sie rauchen gelangweilt, schütteln den Kopf und stellen vielfach die Frage: „Was soll das?“ Oder sagen: „Na den kriegen wir nicht mehr groß!“

 

Ein Verhalten welches aus der Kulturgeschichte aber bekannt ist und sich in dem Spruch manifestiert hat: Der Prophet im eigenen Lande gilt nichts. Denken wir nur an Teile des klassischen Bürgertums, denen es im 19. Jahrhundert vorbehalten blieb, die Talente ihrer neuartigen Kunstformen wegen zu missachten, zu verhöhnen und zu verfolgen, wie einige Jahrhunderte früher Männer der Wissenschaft als Ketzer verfolgt worden sind. 

 

 

 

                               Wie es begann

 

 

 

Zum Zwecke des Vorhabens erwarb um die Jahrtausendwende die Ehefrau des Erschaffers von Schloss-Lilllliput das 2400 qm große Grundstück für eine gute Handvoll Geld. Sie will nicht das der Preis genannt wird. Wir nennen ihn trotzdem. 45 Tausend Mark.

 

Niklas hatte seine Frau längst von seinem Vorhaben überzeugt. Sie glaubte an ihn. Doch erst einmal wurde sie bitter enttäuscht. Was war denn das? Er machte trotz aller Versprechungen Jahrelang nichts von alledem, was er fest zugesagt hatte. Er schuf keine große Kunst, sondern begann ohne Umschweife ein zurückgezogenes Leben als Bauer. Er züchtete Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner, Enten und Gänse, hielt ein Pferd namens Gloria das er nicht reiten konnte und züchtete in der Küche dutzende Kanarienvögel, Diamanttäubchen und Zebrafinken. Im Herbst sammelte er Pilze und Beeren, im dunklen Winter schrieb er Bücher über Menschen und  Tiere die keiner wollte.

 

Erst im Jahre 2010 begann ihn das Leben als Bauer und Autor endlich zu langweilen. Ständig wiederkehrend sah er den Psychiatrieinsassen Hans Janke vor sich, den längst verstorbenen Kameraden von einst. Er besuchte sein Museum dass man ihm in Wermsdorf eingerichtet hatte, grübelte wiederholt über das irrsinnig anstrengende Projekt nach, und war endlich entschlossen, loszulegen. Wozu hatte Niklas Frau ihm sonst das Grundstück gekauft?  

 

Plötzlich, ja geradezu über Nacht schaffte er sein Vieh ab, löste die Versicherungen und das Konto auf, verscherbelte Auto, Silber, Bilder und viele wertvolle Bücher, hörte auf einen Schlag auf zu Rauchen und zu trinken, und begann. Erst allmählich dann immer schneller und längst vergeht kein Tag mehr, an dem Niklas, der ehemalige Schmied, Bestatter, Pilot, Fischer, Verkäufer, Kranfahrer, Referent, Sektionsassistent, Herumtreiber, Gefängnisinsasse, Pharmavertreter, Schriftsteller und Heizer nicht von der Frühe bis in die Späte wie berauscht an seinem Lebenswerk schafft. An einem Projekt, welches mit seiner quietschfröhlichen Ausstrahlung die anfänglichen Meckereien der „Ureinwohner“ nicht ansatzweise erahnen lässt. Ein farbenprächtiges und einmaliges Baukunstwerk, welches mittlerweile überwiegend geliebt und nur noch gelegentlich als Kasperbude verhätschelt wird.   

 

 

 

 

 

                            Und warum das alles?

 

 

 

Wer schauen will, wird sehen. Nämlich, dass hier eine äußerst eigenständige Persönlichkeit eine enorme Bandbreite einzigartiger und kraftvoller Ausdrucksformen findet, und zwar völlig auf sich gestellt und unbeeinflusst von kulturellen Normen.

 

Sie sind das Ergebnis eines inneren Bestrebens, einer natürlichen und frei fließenden Arbeitsweise und einer fast kindlichen Naivität. Hier ist noch nichts von "Kultur durch gekocht" und der Künstler stellt seine inneren Visionen ohne rationale Einschränkungen völlig zweckfrei dar. 

 

Bislang wurden 2,5 Millionen gläserne oder keramische Mosaike verbaut. Die Mauern des Hauses wurden mit natürlichen Materialien auf 1 bis 3 Meter verdickt. Die selbst entwickelten Wärmedämmplatten aus Ascheabfällen machen das Gebäude zu einem absoluten Renner in Sachen Energieeffizienz. Hunderte Schnecken, Würfel, Tieraugen, Figürchen zieren die Wände von Außen und natürlich von Innen.   Bislang wurden über 4000 Säcke Zement zu Kugeln verformt, ein Karpfenteich, ein kleiner aber echter Kaiserpark, ein Aussichtsturm angelegt. Im Hause wohnen oder vermehren sich Fledermäuse, Eulen, Spatzen, Kröten, Frösche. Drei Hunde mit christlichen Namen leben hier. Für alle ist Platz und wurden Lebensräume geschaffen, gleichfalls für Ringelnattern, Eidechsen oder die hochgradig seltenen  Schlingnattern.

 

Zum Kunstwerk gehört zudem eine Miniaturkirche mit acht Plätzen. Nicht grundlos, denn in Naundorf mangelt es seit jeher an einer entsprechenden „Kathedrale“. Dem auf humorvolle Art abzuhelfen war des Erbauers Absicht, und der Zuspruch des noch unfertigen „Gebäudes“, bestätigt ihm sein Vorhaben täglich aufs Neue. Von Blasphemie keine Spur, der Bauherr ist in der Religion bewandert und übt sich darin täglich aufs Neue. Amen!

 

Wer das aber alles nicht glauben will, darf sich nach Anmeldung gern führen lassen. Am besten greift man einen Termin, indem man die Internetseite: www.steffen-modrach.de, besucht, und versucht über die Anmeldeleiste einen der begehrten Termine zu ergattern. Die Antwort kann etwas dauern, aber sie kommt. Prompt!

 

 

 

                              Wer soll wegbleiben

 

 

 

Keiner. Es dürfen auch die Meckerer kommen, die Gelangweilten und Unanständigen, auch die Dummen und die Gemeinen. Es gibt sie ja reichlich. Wenn sie gehen und sich nicht ein winziges Stück verändert haben, dann glaubt der Lilllliput-Erbauer, hat er etwas falsch gemacht und noch jede Menge zu tun.

 

 

 

 

 

         Stimmt das? Repariert sich das Haus selber?

 

 

 

Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes um ein sich selbst reparierendes Haus. Nachdem dem Bauherrn aus Fachkreisen gesagt worden war, dass so ein Vorhaben in den Bereich der Utopie gehört, oder schlichtweg Blödsinn wäre, begann er sich damit zu beschäftigen und kam auf eine spannende Lösung.

 

Zuerst wurde das Haus mit einem selbst entwickelten Putz ansehnlich verkleidet und weiß wie eine hübsche junge Ente gestaltet. Damit war das Unterhautgewebe schon einmal fertig. Über den Putz brachte er eine Dämmung aus atmungsaktiver Steinwolle an. In einjähriger Arbeit bemalte er nun das gesamte Haus mit abertausenden kleinen farbigen Kästchen. Jede Farbe entspricht einem Buchstaben auf dem Alphabet, so das am Ende auf dem Haus eine hochgradig spannende Geschichte geschrieben steht. Diese Voraussagen später zu entschlüsseln wird lehrsam für nachfolgende Generationen sein.                                  

 

Jetzt erst aber kommt der Trick, das Gebäude länger als gewöhnliche Häuser haltbar zu machen. Nun belegte der Erbauer die farbigen Flächen mit Stein, Marmor, Keramik-oder Glasmosaiken. Auch Blattgold oder verschiedene Schlagmetalle kommen zur Anwendung. Die Anzahl der Teile wird in wenigen Jahren die Zehnmillionengrenze überschreiten. Über diese erste harte Schicht nun folgt eine Zweite, die Zweite wird mit einer weiteren Schicht belegt. Dies können am Ende auch Teller, Tassen oder gar Kaffeekannen sein. Fällt nun nach Jahren die Erste Schicht durch Witterungseinflüsse langsam ab – nichts hält ewig – kommt die zweite Haut zum Vorschein. So ist das Haus im Wandel, aber das Haus als solches in seiner spielerischen Pracht bleibt erhalten ohne dass man daran reparierend tätig werden müsste.    

 

 

 

 

 

                  Wo ist Schloss-Lilllliput zu finden?

 

 

 

In einer armen und rückständigen Gegend. Die Menschen sind fleißig, aber misstrauisch und Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen. In der Regel machen sie brav was der „Chef“ ihnen sagt. Preußen eben. Noch vor gut 100 Jahren nannte man in den Herzberger Heimatkalendern diese Gegend abfällig die „Hundetürkei“. Was sich seither verändert hat, davon muss man sich selber überzeugen.

 

Das Grundstück liegt im Osten Deutschlands an der B 87 zwischen Herzberg/Elster und Schlieben. Der Ort schimpft sich Naundorf, genauer: Fichtwald. Oder für weit Hergereiste einfach ausgedrückt, er befindet sich grob im Kreuzpunkt der Städte Berlin, Dresden, Leipzig, kaum mehr als jeweils 90 Km entfernt.

 

Zur nächsten Gaststätte mit Pension sind es lediglich 170 Schritt, zum Kiefernwald, welcher sich von Süd nach Nord 15 Km lang ausdehnt, keine zehn Schritte. Hier tummeln sich bereits wieder Wölfe und jede Menge schlecht ausgebildete Jäger die die Neulinge gerne umnieten wollen.  

 

 

 

                                 

 

        Was für eine Geschichte erzählt das Gebäude?  

 

 

 

Die Grundmauern wurden ursprünglich von einem Berliner Sonderbeauftragten der Wehrmacht, namens Borkowski, 1946 aus den Resten einer abgerissenen Villa, gelegt. Es handelte sich um einen einzigen Raum, 4 mal 4 Meter, mehr nicht. Das „Loch“ besaß weder Toilette noch Wasser im Haus. 

 

1963 kaufte der Schießplatzwärter Max Pohl, nebst Frau Ilse das Anwesen, führte dort eine Kleinbauernwirtschaft und baute einen weiteren Raum an das Gebäude. Das Plumsklo muffelte weiterhin auf dem Hof. Nach dem Tode der Beiden verfiel das Haus ab 1997. 2000 wurde es dann von der Frau des Erbauers erworben. 

 

 

 

                                  

 

Unebene Fußböden und warum man sich laufend irgendwo stößt

 

 

 

Die Fußböden sind Melodien für die Füße. Unregelmäßige Pflasterung und hüglige Böden, Stolpersteine, Ecken und Kanten, enge Stellen sind der Wildnis oder dem Waldboden gleich. Der entwöhnte und verweichlichte Mensch nimmt seine Umwelt somit lebendiger wahr.

 

Ein unebener Boden schützt nachhaltig vor den Sturzgefahren im Alter. Denn laufen ist im Grunde kontrolliertes Stürzen. Alte Menschen aus Naturvölkern fallen nicht! Und falls doch, stehen sie unbeschadet wieder auf. Oberschenkelhalsbrüche sind ihnen fremd.  Diese Erfahrung hat Niklas bei den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines gemacht. 

 

Je glatter wir unsere Böden „verunstalten“, um so weniger hat unser Gehirn komplizierte Vorgänge zu berechnen. Es wird lahm und müde. Es rostet. Dabei ist es dafür ausgelegt, ständig auf der Hut zu sein. So halten also ein unregelmäßiger Gang, Stolperfallen und andere „Unannehmlichkeiten“ immer wach, lebendig und frisch. Selbst der Bauherr muss jedes mal aufs Neue aufpassen, und das ist so gewollt. 

 

 

 

                                  Rapunzelturm             

 

 

 

Zum Kunstwerk zählt ein leicht abgeknickter Rapunzelturm, oder Schuldenturm, welcher mit hunderten heimischer Eiszeit-Kiesel (Überkorn) belegt wurde. Bei Regen beginnen die Kiesel zu leuchten, zu glimmern und zu strahlen, bei heißem und trockenem Wetter wirken sie bedrohlich und dumpf. Das Spiel der Farben und des Lichts entspannt die Augen und verführt zum träumen. In dunklen, kalten Wintertagen leuchtet aus dem Turmbauch eine Kerze. Ihr Flackern erzeugt mystische Stimmung. Außerdem befindet sich im Inneren eines der geheimnisvollsten Kunstwerk versteckt. Besonders Frauen werden beim Betrachten von ihren Gefühlen hin und hergerissen.                                

 

 

 

                    Warum der viele Rhododendron?

 

 

 

Auch der Bauherr sah anfangs im Rhododendron eine furchtbar langweilige Pflanze, aber bei genauerem Hinsehen plötzlich ein Lebewesen mit zwei bemerkenswerten Auffälligkeiten. Als dauergrüne Unterpflanzung dient sie dem Parkbesucher der Trostlosigkeit der Wintermonate zu entgehen. Außerdem zeigen die Blätter durch zusammenrollen die Tiefe der Frostgrade an. Mit etwas Erfahrung genügt ein kurzer Blick um in etwa die Temperatur zu messen. Zudem veranstalten verschiedenfarbige Rhododendren mit ihren Geschlechtsorganen ein wahres Blühfeuerwerk im Frühjahr. 

 

 

 

 

 

Warum bleibt der unansehnliche Grasschnitt liegen?

 

 

 

Der Lebewesen wegen. Modern, kalt, unverständlich und nüchtern heißt es heute eher, Biodiversität. Wir bleiben bei Lebewesen.

 

Durch die Mulchwirkung des liegenbleibenden Grases und die Samenstreuung wird das Aufkommen zahlloser neuer Pflanzen und Tiere gefördert. Das gemähte Gras bleibt daher grundsätzlich an Ort und Stelle liegen, sogar um die rasche Verpilzung und Vermoosung zu beschleunigen. Moose, Farne, Flechten, Schlauchpilze, Keulenpilze und Bauchpilze sind gewollt. Insbesondere Moose speichern Feuchtigkeit, bieten unzähligen Insekten und Wirbellosen eine Wohnstätte. Auch sie sterben aus, unmerklich und rasch. Hier dürfen sie leben, ungehindert und frei und sich dem Spiel der Naturkräfte wieder stellen. 

 

 

 

 

 

                          Das Eichelhäherdach

 

 

 

Der Eichelhäher ist der Lieblingsvogel des Bauherrn. Der „Markwart“ ist ein Charaktervogel und auffallende Erscheinung. Zum einen im Mittelalter als Unglückshäher beschimpft, stellte sich aber später seine enorme Nützlichkeit heraus. Etliche Bäume, ja sogar ganze Misch- und Eichenwälder sind nur ihm zu verdanken.  

 

Das Dach des Haupthauses wurde daher aufwändig in den Spiegelfederfarben des landestypischsten Vogels, dem Eichelhäher, gedeckt. Die Dachseite zum kühlen Norden in stereotyper Einseitigkeit, lediglich zwei Dachsteine tanzen aus der Reihe, schwimmen gegen den Strom und symbolisieren die selbstbewussten Bewohner. Die warme Südseite wurde konträr mit Schwung belegt, um Anmut und Geschmeidigkeit im Gegensatz zur kalten Dachseite hervorzuheben.

 

                                             

 

                             Die Dachzwiebeln

 

 

 

Die Dachzwiebeln ruhen auf Säulen. Die Zwiebeln symbolisieren wegen ihrer Mehrschichtigkeit die Religionen und des Erbauers Suche nach dem wahren Gott, um ihn für sein nicht immer vornehmes, vor allen Dingen aber völlig unverständliches und mysteriöses Tun zur Rechenschaft zu ziehen.

 

Und die Säulen erzählen einen Teil seiner eigene Lebensgeschichte. Die Rundung der Säule entspricht exakt dem Bugrad einer Piper 28 und erinnert an des Erbauers Zeit als Pilot. Der derbe Zahnkranz erinnert an die Zeit seiner Berufsausbildung im größten Metallwerk der DDR, dem Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“ und die Jahre des dumpfen Schaffens als gelernter Grobschmied, Industrieofenbediener und Hebezeugführer in Schmiede, Gießerei und Härterei. Oh, ihm schaudert wenn er daran denkt. 

 

                            

 

 

 

                                   Die Krone

 

 

 

Seinem Dach hat er die Krone aufgesetzt. Und wer genau hinschaut und die Figurensprache auf sich wirken lassen will, kann etwas wichtiges lesen.

 

Außerdem bewundert der Hausherr, genau wie Hundertwasser die Verantwortung und Sichtbarkeit von Königen, und ist wie er der Ansicht, dass auch in der modernen Welt Platz für Könige ist. Denn die gesichtslosen, anonymen, internationalen Gesellschaften sind an keine Autorität gebunden und letztlich für keinen noch so groben Unfug verantwortlich zu machen. Über 1000 Jahre unter Kaisern und Königen war keine schlechtere Zeit, ganze Städte wurden gebaut, Nationen gegründet...  

 

Aber lassen wir das. Geschichte und Wünsche nach etwas anderem als nach Demokratie sind ein brandgefährliches Terrain. Viele aufmerksame und wissbegierige Menschen sind auf diesem Minenfeld bereits zu Schaden gekommen. Zuweilen auch tödlich. Nur wer mit den Wölfen heult und den Hähnen kräht, hat wie immer nichts zu befürchten.

 

                                 

 

 

 

               Was sollen die vielen Kaffeekannen?

 

 

 

Zum einen symbolisiert die Kaffeekanne, der Bauherr ist gebürtiger Leipziger, die sprichwörtliche sächsische Gemütlichkeit. Besaß Deutschland in Leipzig nicht auch das allererste Kaffeehaus?

 

Aber die vielen Hundert auftauchenden Kaffeekannen und Kaffeetassen haben ihren Sinn auch in der Historie des Erbauers von Schloss-Lilllliput. In der DDR hielt er bei der URANIA als Referent populärwissenschaftliche Vorträge zum Thema: „Die Geschichte des Kaffees sowie seine Wirkung auf den menschlichen Organismus“. Nach zahllosen Querelen mit den Verantwortlichen wegen eines Ausreiseantrages in den Westen Deutschlands, noch war das Land ja in zwei politische Lager gespalten, ereilte ihn das Verbot weiterhin öffentliche Vorträge halten zu dürfen. Dies symbolisiert die gefallene Kaffeekanne auf dem Dach.

 

 

 

 

 

Was soll dieser hässliche Abfall um das Grundstück herum?

 

 

 

Umrahmt wird Kunstwerk und Park von einer 250 Meter langen Benjeshecke, bewusst als Insektenhotel, botanische Keimzelle, Mäuse- und Vogelparadies  erschaffen. Das deftige Handwerk besteht nur aus organischen Stoffen, kann spontan seine Lage verändern, wenn es den Tieren oder dem Erbauer so gefällt, was es gelegentlich auch tut, und ist in wenigen Tagen wieder an anderer Stelle aufgebaut. Die Größe der dichten Hecke variiert. Sie ist nur teilweise mit Brombeeren und Himbeeren bepflanzt, und darf von Hopfen, Büschen, Bäumen und allen sonstigen  Wildpflanzen eingenommen werden.

 

Zudem erlaubt sie zahlreichen Igeln, Eidechsen, Ringelnattern, Zaunkönigen, Schlingnattern, Kröten und Millionen Insekten sicheren Unterschlupf. Der allmähliche Zerfall der Installation und das völlig natürliche „sich selbst bewachsen“ im Laufe der Zeit ist gewollt. Die Mauer ist organisch, sie lebt, und kein durch betoniertes, totes, herzloses Gebilde.

 

Wer meint, die Umrandung sähe hässlich aus, dem sei geraten in den Spiegel zu schauen.

 

 

 

 

 

 

 

                          Rittertür, Gitter und Speer

 

 

 

Die „rabiate Rittertür“ und das zusätzliche Gitter zeugt von der Wehrhaftigkeit und gleichsam von der Furchtsamkeit seiner Besitzer.

 

Der Speer vor der Haustür ist eine Erinnerung an unsere heidnischen Vorfahren. Genau wie bei unseren Vorfahren drückt dies aus; Hier wohnt einer, der sich zu wehren versteht! Ein Herr ist im Hause!

 

 

 

 

 

                                  Königsstühle

 

 

 

Hochgradig erfreuen die Besucher die Königsstühle, direkt vor dem Haus. Es gibt einen steinernen Thron für Männer und einen für Frauen. Beide laden alle Besucher zu jeder Zeit herzlich ein, sich auszuruhen, um Straße und Leute mit freundlichem Blick zu beobachten, oder vorbeiziehende Vasallen und Gesindel im Augen zu halten. Der Besucher sitzt mit dem Rücken zum buntesten Haus Deutschlands, hat nur die Außenwelt vor sich und weiß die schützenden Mauern beruhigend hinter sich. Immer wieder ein tolles Fotomotiv. Maul halten und setzen!

 

 

 

 

 

                Sternensessel zur Gesundheitskontrolle

 

 

 

Der Sternensessel ist wohlgefällig dem Rücken eines Menschen nachempfunden, welcher des Nachts gern in die Sterne schaut um zu philosophieren, oder um regelmäßig den berühmten Augenprüferstern zu inspizieren. Der Bauherr hat sich bei der Herstellung kurzerhand in zwei Tonnen klitschnassen Beton fallen gelassen, und eine angenehme Sternenguckerstellung  bezogen, die sich im Gebilde nun „versteinert“ hat. Sie wissen zufällig nicht was der Augenprüferstern ist? Dann fragen sie den Schlossherrn bei einer Führung. Er wird es ihnen verraten. 

 

 

 

 

 

                           Die Brust im Garten

 

 

 

Um Schloss-Lilllliput auch aus der Vogelperspektive betrachten und seine eigenwillige Schönheit genießen zu können, wurde zudem ein schlichter Hügel mit „bloßen Händen“ geschaffen – und damit sich ein Wohlgefühl einstellt, in Form einer nährenden, weiblichen Brust.

 

Insbesondere Männer, Baubudenrülpse mal ausgenommen, fühlen sich in der Regel magisch angezogen und erklimmt diesen weichen sanften Hügel ohne jede Aufforderung. Die Aussicht ist nicht unbedingt grandios, aber das Allerbeste was aus der brandenburgischen Streusandbüchse herauszuholen war. Gekrönt wird der Berg von einer mit Kletterrosen bepflanzten 3 Meter hohen Kanzel die problemlos bestiegen werden kann. Die Kanzel. 

 

 

 

 

 

                              Der Schloss-See

 

 

 

Den östlichen Rand der Hügelbrust ziert ein tiefer verwilderter Miniatursee, der den Erbauer an seine Ausbildung als Fischer in Peitz erinnert. Einen See, in welchem ausnahmslos Brandenburger Fische schwimmen und nebenher durch allerlei Bemühungen versucht wird, die extrem seltenen und heimischen Wetterfische vor dem endgültigen Aussterben zu bewahren. Falls der Besucher nicht weiß was Wetterfische sind, (in der Regel weiß er es nicht) und welche große Bedeutung sie in den letzten Jahrhunderten bei der einheimischen Bevölkerung gespielt haben, wird ihm dies hier während des Rundgangs gelehrt. Vorab sei nur soviel verraten, es handelt sich auch um einen politischen Fisch, er überlebt Extremsituationen und gilt als der Einzige, der sich nicht mit der Angel ködern und einfach so aufessen lässt. Ein echter Brandenburger eben. Nur mit der Kultur haperts ein bisschen, denn viel  pforzen tut er auch.

 

Die Spiegelung des bunten Hauses auf der Wasseroberfläche, erzeugt, sofern man es von den Lichtbedingungen her erleben darf, beachtliche Hochgefühle, denn die Schwärze des Wasser potenziert sämtliche Farben. 

 

 

 

 

 

Doch nun ist Schluss und wir kommen zum Ende. Diese Lektüre präsentiert zwar nur einen kleinen Ausschnitt, und das Meiste ist hier nicht besprochen worden, und um ein  Buch zu drucken fehlt dem Erbauer von Schloss-Lilllliput schlichtweg das Geld. Trotzdem, Sie sollen neugierig werden und kommen, oder, falls sie bereits da waren, wiederkommen – denn jedes Mal wird es anders sein. So ist das Leben, das macht es aus.